Held außer Dienst
Vor zehn Tagen habe ich ein Interview geführt mit Stanislaw Petrow, Ex-Offizier der sowjetischen Raketenüberwachung. Er hat vor 1983 einen falschen Atomalarm richtig eingestuft - und, sozusagen, nicht den roten Knopf gedrückt.
Ich habe mich mit etwas gebremster Begeisterung an das Thema gemacht. Petrow hat schon viele Interviews gegeben, der Vorfall ist eigentlich schon recht bekannt. Und wenn man ihn anruft, dann erzählt er von Verträgen, die er mit einer deutschen Theatertruppe habe, von Exklusivverträgen mit einer dänischen Filmproduktionsfirma. Er könne deshalb kein Interview geben, es sei denn...
Ich bin dann doch hingefahren. Er hat mir die Tür aufgemacht ("Wir Russen schütteln die Hände nie über der Türschwelle"), ein unrasierter älterer Herr mit amüsiertem Blick, Sohn eines sowjetischen Kampfpiloten, Oberst a.D. der Luftstreitkräft, ein Weltenretter im Ruhestand sozusagen: "Sie müssen verzeihen, ich bin ein bisschen betrunken."
Es ist zwölf Uhr mittags.
Petrow erzählt seine Geschichte, Ihr findet sie hier (http://einestages.spiegel.de/page/Home.html). Aber was mich wirklich berührt hat ist dieser Mann, dessen Entscheidung in einer schicksalhaften Nacht Bedeutung für die ganze Welt erlangt hat, zufällig, und dessen Leben jetzt gänzlich aus den Fugen geraten ist.
Petrow hat sich immer für den Kosmos begeistert, als junger Mann hat er gejubelt, als er erfuhr, dass er an dem sowjetischen Raketenwarnsystem "Oko - Auge" mitarbeiten würde. "Noch immer ergreift mich etwas, wenn ich in den Kosmos schaue". Vor Jahren ist er nachts immer bei Vollmond aufgestanden, hat Schuhe und Mantel angezogen und ist um den Block spaziert, hat den Himmel bewundert. Den Himmel, der ihn einmal zu täuschen versucht hat. Aber Petrow, ein einfacher Mann, hat sich nicht blenden lassen.
1997, als er nachts um vier Uhr von einem seiner nächtlichen Streifzüge heim kam, zu denen ihn der Mond gelockt hat, tritt er wieder an das Bett seiner Frau. Und er sieht in dem Moment, dass seine Frau tot ist, gestorben, als er um den Block gegangen ist. "Sie war noch warm", sagt Petrow. Sie war seit Jahren krank, er hat sie Jahre gepflegt. Er hat sich von seiner Stelle bei "Oko" wegversetzen lassen, damit er mehr Zeit hat sie zu pflegen. "Die Ärzte hatten sie schon seit Jahren aufgegeben, aber nicht ich", sagt Petrow. Aber er hat diesen einen entscheidenden Moment verpasst.
Seine Wohnung ist die eines alten Mannes, der nie gelernt hat, für sich selbst zu sorgen. Er ist sehr einsam. "Der Himmel", sagt Petrow, "hält immer Überraschungen bereit".

3 Kommentare:
Sie müssen verzeihen, ich bin auch schon etwas betrunken - trotzdem mehr davon.
Lieber Ben,
jeden Deiner Texte lese ich aufmerksam und mit großem Vergnügen. Dieser hier hat mir besonders gefallen. Er trägt sehr deutlich Deine Handschrift und verrät viel über Deine Menschlichkeit.
Liebe Grüße
Papa
ich glaube, es wäre spannender, was nach der gloreichen zeit mit ihm passiert ist. bekommt er mehr rente? kommen immer noch die nachbarn um ihm zum geburtstag zu gratulieren? wann sein leben aufgehört?
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